Ja zu Gott
Februar 7, 2010
Unserem Ja zu Gott liegt Gottes Ja zu uns im Rücken.
Im ”omnia relinquere”, von dem im Evangelium bei der Berufung der ersten Jünger die Rede ist, zeigt sich deutlich die Breite des Verlassenheitsbegriffs. So erscheint er teils negativ (im Stich lassen), teils positiv besetzt (den Neuanfang wagen), teils materiell (Haus und Hof, Dinge lassen), teils personell (den Vater, die Mutter, die Frau, den Mann lassen). Doch eins ist klar: Gott lässt sich selbst, noch ehe wir uns lassen, um Ihm zu folgen.
(Josef Bordat)
Unvollkommenheit ertragen
Februar 4, 2010
Deine Unvollkommenheit musst du ertragen, wenn du vollkommen werden willst; musst sie ertragen in Geduld.
Franz von Sales
Gottes Heilsplan
Februar 3, 2010
Papst Benedikt XVI. sagte einmal: „Je bereitwilliger wir zu Gottes Heilsplan ja sagen, desto mehr können wir unserer Berufung als getaufte Christen gerecht werden; denn wir alle sind in Christus dazu erwählt, heilig und untadelig vor Gott zu leben, zum Lob seiner herrlichen Gnade.“
Zwei Menschen, die in ganz besonderer Weise ja zu Gottes Heilsplan sagten, sind sich heute vor 24 Jahren, am 3. Februar 1986, begegnet: Papst Johannes Paul II. und Mutter Teresa. Die Gründerin des Ordens der Missionarinnen der Nächstenliebe empfing den Heiligen Vater in Kalkutta, wo sie sich in ihrem Hospiz um schwer Kranke kümmerte.
Beide, Johannes Paul II. und Mutter Teresa, dürfen uns als Vorbilder daran erinnern, was es heißt, unserer Berufung als getaufte Christen gerecht zu werden. Wir müssen nicht Papst werden oder einen Orden gründen, doch wir sollten uns bemühen, jeden Tag, dort wo wir sind, etwas von ihrer Liebe, die Seine Liebe ist, zu leben – zum Lob der herrlichen Gnade Gottes.
(Josef Bordat)
Darstellung des Herrn
Februar 2, 2010
Simeons ambivalente Prophezeiung
Dann kam für sie der Tag der vom Gesetz des Mose vorgeschriebenen Reinigung. Sie brachten das Kind nach Jerusalem hinauf, um es dem Herrn zu weihen, gemäß dem Gesetz des Herrn, in dem es heißt: Jede männliche Erstgeburt soll dem Herrn geweiht sein. Auch wollten sie ihr Opfer darbringen, wie es das Gesetz des Herrn vorschreibt: ein Paar Turteltauben oder zwei junge Tauben. In Jerusalem lebte damals ein Mann namens Simeon. Er war gerecht und fromm und wartete auf die Rettung Israels, und der Heilige Geist ruhte auf ihm. Vom Heiligen Geist war ihm offenbart worden, er werde den Tod nicht schauen, ehe er den Messias des Herrn gesehen habe. Jetzt wurde er vom Geist in den Tempel geführt; und als die Eltern Jesus hereinbrachten, um zu erfüllen, was nach dem Gesetz üblich war, nahm Simeon das Kind in seine Arme und pries Gott mit den Worten: Nun lässt du, Herr, deinen Knecht, wie du gesagt hast, in Frieden scheiden. Denn meine Augen haben das Heil gesehen, das du vor allen Völkern bereitet hast, ein Licht, das die Heiden erleuchtet, und Herrlichkeit für dein Volk Israel. Sein Vater und seine Mutter staunten über die Worte, die über Jesus gesagt wurden. Und Simeon segnete sie und sagte zu Maria, der Mutter Jesu: Dieser ist dazu bestimmt, dass in Israel viele durch ihn zu Fall kommen und viele aufgerichtet werden, und er wird ein Zeichen sein, dem widersprochen wird. Dadurch sollen die Gedanken vieler Menschen offenbar werden. Dir selbst aber wird ein Schwert durch die Seele dringen. Damals lebte auch eine Prophetin namens Hanna, eine Tochter Penuëls, aus dem Stamm Ascher. Sie war schon hochbetagt. Als junges Mädchen hatte sie geheiratet und sieben Jahre mit ihrem Mann gelebt; nun war sie eine Witwe von vierundachtzig Jahren. Sie hielt sich ständig im Tempel auf und diente Gott Tag und Nacht mit Fasten und Beten. In diesem Augenblick nun trat sie hinzu, pries Gott und sprach über das Kind zu allen, die auf die Erlösung Jerusalems warteten. Als seine Eltern alles getan hatten, was das Gesetz des Herrn vorschreibt, kehrten sie nach Galiläa in ihre Stadt Nazaret zurück. Das Kind wuchs heran und wurde kräftig; Gott erfüllte es mit Weisheit, und seine Gnade ruhte auf ihm. (Lk 2, 22-40)
I.
Vierzig Tage nach der Geburt wird Jesus von Maria und Josef in den Tempel gebracht, wie es das Gesetz des Alten Bundes verlangt. Maria und Josef halten sich an die Vorschriften. Was als formaler Initiationsakt beginnt, wird dann zu einem theologischen Kristallisationspunkt: Jesus im Tempel, in Seinem Tempel, das ist ein Bild, das uns noch öfter begegnet und entscheidende Wegmarken hin zur Vollendung setzt, denn Er ist der Herr des Tempels. Hier lehrt er, hier sorgt er für Prioritäten, hier nimmt man Anstoß an ihm.
Zwei alte Menschen, die Prophetin Hanna und der „gerechte und fromme“ Simeon, dürfen an ihrem Lebensabend in der Begegnung mit dem Herrn ihre ganz persönliche Heilserfahrung machen. Sie loben und preisen Gott. Ihr persönliches Lebensglück kommt darin zum Ausdruck. Simeon hatte stets darauf gehofft und fest an die Offenbarung des Heiligen Geistes geglaubt, der diese Hoffnung in ihm wach gehalten hatte. Der greise Mann erkennt in dem Kind den Heilsbringer für Israel und die Heiden – den Messias. Alle Menschen sollen Teilhaben am Glück des Heils. Damit erfüllt sich Simeons Hoffnung – er kann in Frieden sterben. Dieser tiefe Duktus der Vollendung hat dazu geführt, den Lobgesang des Simeon als liturgischen Standardtext (Nunc Dimittis) in die Komplet einzubringen, die die Kirche täglich zur Nacht betet. Darin kommt zum Ausdruck, dass auch wir in Frieden zur Ruhe kommen können, weil wir die Hoffnung des Simeon auf die Begegnung mit dem Heiland teilen dürfen. Eine richtig schöne Geschichte also.
II.
Aber an das Loblied (Lk 2, 29-32) schließt sich eine düstere Weissagung an, wie auch schon im Alten Testament vom Gottesknecht zugleich Leiden und Verherrlichung vorausgesagt waren. In Lk 2, 34 heißt es: „Und Simeon segnete sie und sagte zu Maria, der Mutter Jesu: Dieser ist dazu bestimmt, dass in Israel viele durch ihn zu Fall kommen und viele aufgerichtet werden, und er wird ein Zeichen sein, dem widersprochen wird.“ Ein Zeichen, dem widersprochen wird. Eine Prophezeiung, die das harmonische Idyll der Vollendung aufbricht.
Doch für die Vollendung braucht es die Entscheidung, für die Entscheidung die Krise. Mit der Ankunft Jesu setzt diese Krise ein. An ihm entscheidet sich das Schicksal Israels und aller Völker. Doch wie können wir als Christen im Alltag mit dieser Ambivalenz von Fallen und Aufrichten, von Zeichenhaftigkeit und Widerspruch umgehen? Bischof Dr. Karl-Heinz Wiesemann (Speyer) erinnert dazu an die Übermacht der positiven Kraft, die Gott uns in Seinem Geist schenkt: „Christsein bedeutet Heranwachsen zum ganzen Menschen, zum Christus der Fülle, wie Paulus sagt. Der Glaube amputiert uns nicht. Er vergällt uns nicht, wie manche meinen, die schönen Seiten des Lebens. Im Gegenteil: Der lebendige Geist Gottes durchtränkt alles mit einer bejahenden, liebenden Kraft, die sich selbst das positivste Denken nicht auszumalen weiß; mit einer Leben spendenden Kraft, die in die tiefsten Abgründe von Leid und Tod hineindringt, um den göttlichen Lebensfunken in uns zu wecken; mit einer reinigenden Kraft, die uns davor bewahrt, in der Verdrängung unserer Todesangst unser Leben zu fristen und uns die wahre Freiheit der Kinder Gottes schenkt. Ja, der Glaube schenkt uns reinen Wein ein über uns Menschen und unsere Welt – und daher hat er die Kraft, diese Welt zu verwandeln, sie zu heiligen in der Wahrheit. Keine andere geistige Macht hat sich in unserer Geschichte als vergleichbar Kultur schaffend erwiesen, als gleichermaßen fähig, Welt in Kulturraum zu verwandeln. Der Glaube vermag in uns die besten Kräfte zu wecken – und kann sich daher durchaus an seinen Früchten messen lassen. Wir brauchen uns nicht zu verstecken.“
III.
Im Streit um die Wahrheit brauchen wir Christen uns nicht zu verstecken, auch nicht, wenn der Widerspruch zunimmt. Heute erkennen wir in einem neuen, streitbaren Atheismus diesen Widerspruch. Neu daran ist, dass es sich um den Versuch handelt, nicht nur die Kirche als Institution in ihrer Historizität zu kritisieren, sondern das Christentum an sich: christliche Riten, christliche Werte, die christliche Lebensform. Teilweise stellt sich die Weltanschauung sogar als naturalistische Transzendenzleugnung im umfänglichsten Sinne dar und richtet sich damit gegen jede Form von Religion, für die ja die Beziehung zum Übernatürlichen konstitutiv ist. Streitbar ist daran, dass die Medien, insbesondere auch die Neuen Medien wie das Internet, massiv genutzt werden, um (wie sie es sehen) „aufzuklären“ oder (wie ich es sehe) zu missionieren. Denn die neuen, streitbaren Atheisten geben sich paradoxerweise durchaus religiös. Und auch sie wissen um die Bedeutung der Hoffnung. Gegen die Hoffnung der Christen auf ihren Retter setzen sie die Hoffnung auf den wissenschaftlichen Fortschritt, der einst den „Himmel auf Erden“ realisieren werde, gewissermaßen als „Reich Gottes“ ohne Gott.
Die anthropologischen Kernpunkte dieses Atheismus’ sind die Ablehnung der Schöpfungsmetapher, wenn es um die Erschaffung der Welt durch ein intelligentes Wesen, das wir Gott nennen, geht (naturalistischer Evolutionismus), bei gleichzeitiger Inanspruchnahme des Schöpfungsbegriffs für den Menschen (Genomforschung), verbunden mit einer Instrumentalisierung menschlichen Lebens (Stammzellenforschung), das ja nun, einmal seiner Heiligkeit beraubt, nach Nutzenerwägungen rein funktionalistisch ausgeschlachtet werden kann.
IV.
Wo Wissenschaft zur Weltanschauung wird, zum Szientismus, und damit als Religionsersatz dient, ist höchste Vorsicht geboten. Wir haben – zumal in Deutschland – schlimme Erfahrungen gemacht mit einer Wissenschaft, die sich von einer inhumanen Weltanschauung zu deren Rechtfertigung missbrauchen lässt. Wenn nun einige Wissenschaftler meinen, diesen Missbrauch gleich selbst durchführen zu sollen, wird die Sache nicht besser. Die Selbsterlösungsrhetorik und die Tendenz zur Enttabuisierung anthropogener Schöpfungsvorstellungen sind gefährlich und gerade in den Biowissenschaften, d. h. dort, wo es um den Menschen geht, höchst virulent. Davor zu warnen, ist keine fortschrittsfeindliche Panikmache, sondern ein Gebot der Demut demgegenüber, den Simeon und Hanna als den Herrn der Geschichte erkennen. Der Anspruch auf Heil und Erlösung ist im Kontext der Wissenschaft ebenso verständlich wie fatal, auch wenn die betreffenden Wissenschaftler oft und gerne leugnen, diesen Anspruch zu haben. Die säkularisierte Gesellschaft drängt sie nolens volens in die Rolle des szientistischen Hohenpriesters, die nicht alle vehement ablehnen. Es drängt sich mal wieder der Verdacht auf, dass Gott von denen für tot erklärt wird, die Ihn nur zu gerne beerbten.
V.
Die Kirche spricht immer wieder deutlich aus, wie gefährlich eine Wissenschaft ist, die sich erdreistet, Gott zu spielen. In seiner Enzyklika Spe salvi (2007) hat Papst Benedikt hierzu eine passende Antwort gegeben. Sie entlarvt jene Hoffnung als trügerisch, die ausschließlich auf die Wissenschaft gerichtet ist, und die rettende Botschaft von der Menschwerdung Gottes in Jesus Christus überhört, von dem Simeon sagt, er sei das „Heil aller Völker“.
Der Papst stellt fest: „Der Mensch kann nie einfach nur von außen her erlöst werden. Francis Bacon und die ihm folgende Strömung der Neuzeit irrten, wenn sie glaubten, der Mensch werde durch die Wissenschaft erlöst. Mit einer solchen Erwartung ist die Wissenschaft überfordert; diese Art von Hoffnung ist trügerisch. Die Wissenschaft kann vieles zur Vermenschlichung der Welt und der Menschheit beitragen. Sie kann den Menschen und die Welt aber auch zerstören, wenn sie nicht von Kräften geordnet wird, die außerhalb ihrer selbst liegen. Umgekehrt müssen wir auch sehen, daß das neuzeitliche Christentum sich angesichts der Erfolge der Wissenschaft in der Entwicklung der Gestaltung der Welt weitgehend auf das Individuum und sein Heil zurückgezogen hatte. Es hat damit den Radius seiner Hoffnung verengt und auch die Größe seines Auftrags nicht genügend erkannt, so Großes es auch weiterhin in der Bildung des Menschen und in der Sorge um die Schwachen und Leidenden getan hat.“ Schließlich kommt der Heilige Vater zu dem Urteil: „Nicht die Wissenschaft erlöst den Menschen. Erlöst wird der Mensch durch die Liebe.“
(Josef Bordat)
Das Heil und die Heimat
Januar 31, 2010
In jener Zeit begann Jesus in der Synagoge in Nazaret darzulegen: Heute hat sich das Schriftwort, das ihr eben gehört habt, erfüllt. Seine Rede fand bei allen Beifall; sie staunten darüber, wie begnadet er redete, und sagten: Ist das nicht der Sohn Josefs? Da entgegnete er ihnen: Sicher werdet ihr mir das Sprichwort vorhalten: Arzt, heile dich selbst! Wenn du in Kafarnaum so große Dinge getan hast, wie wir gehört haben, dann tu sie auch hier in deiner Heimat! Und er setzte hinzu: Amen, das sage ich euch: Kein Prophet wird in seiner Heimat anerkannt. Wahrhaftig, das sage ich euch: In Israel gab es viele Witwen in den Tagen des Elija, als der Himmel für drei Jahre und sechs Monate verschlossen war und eine große Hungersnot über das ganze Land kam. Aber zu keiner von ihnen wurde Elija gesandt, nur zu einer Witwe in Sarepta bei Sidon. Und viele Aussätzige gab es in Israel zur Zeit des Propheten Elischa. Aber keiner von ihnen wurde geheilt, nur der Syrer Naaman. Als die Leute in der Synagoge das hörten, gerieten sie alle in Wut. Sie sprangen auf und trieben Jesus zur Stadt hinaus; sie brachten ihn an den Abhang des Berges, auf dem ihre Stadt erbaut war, und wollten ihn hinabstürzen. Er aber schritt mitten durch die Menge hindurch und ging weg. (Lk 4, 21-30)
Mit Jesus, mit seiner göttlichen Heilsbotschaft, deren Mitte er selbst ist, ist das Heute des Heils wirklich und wirksam angebrochen. Mit und in ihm ist die Schrift erfüllt. Es geht um den Anbruch der Vollendung und zugleich um die Annahme oder Ablehnung Christi und seines Heils durch die Menschen, durch jeden von uns: Gott nimmt unsere Freiheit ernst! So erscheint in dem Wort „Amen, das sage ich euch: Kein Prophet wird in seiner Heimat anerkannt“ bereits das Drama des Kreuzes. Zwei wesentliche Anhaltspunkte begegnen hier: das eigene Volk nimmt Jesus, den Messias, nicht an, damit wendet er sich darüber hinaus den Heiden zu – die Universalität der Heilsbotschaft und der missionarischen Tätigkeit wird erkennbar. Und man hört bereits das „Kreuzige ihn!“ (Lk 23, 21) – das Heil führt über Leiden und Kreuz. In einem Bild: die vier Balken des Kreuzes umfassen alle Himmelsrichtungen, das Heil, die Erlösung und Vollendung in Christus ist allen Völkern und allen Menschen zugesprochen, denn durch „seinen Tod hat er den Tod besiegt und so allen Menschen den Zugang zum Heil erschlossen“ (Katechismus der Katholischen Kirche, Nr. 1019).
Bischof Dr. Walter Mixa, Augsburg